Zum Tode von Fredy Rüegg

Tour de Suisse-Sieger, Stundenweltrekordhalter, achtfacher Schweizer Meister. Rüegg zählte zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Schweizer Profis aller Zeiten

Vor etwas mehr als einem Monat, genau am 24. April 2010, ist der frühere Profi Fredy Rüegg nach einer schweren Erkrankung im Alter von 75 Jahren verstorben. In den Schweizer Tageszeitungen war diese Meldung nur sehr klein gehalten, im Zürcher Tages-Anzeiger ganze fünf Zeilen, in der Neuen Zürcher Zeitung immerhin zehn Zeilen. Mit einer Verspätung, dies, weil der Gesundheitszustand des Schreibenden dies forderte, wollen wir hier ein wenig ausführlicher auf die grossartige, erfolgreiche Karriere von Fredy Rüegg eingehen. Der in Oberengstringen aufgewachsene Fredy Rüegg begann seine Radkarriere im Alter von 18 Jahren. Ein Jahr später qualifizierte er sich 1953 an der Nordwestschweizer Rundfahrt in Liestal als Dritter (hinter Willy Inäbnit und Max Kiefer) des 162 km langen Rennens der Amateure B für die Kategorie der Amateure A. Weil er im Jahre 1954 dem Abschluss seiner Lehre als Möbelschreiner den Vorzug gab, stieg er erst 1955 voll in den Rennsport ein. Dabei hätte er sich bei seiner ersten Teilnahme an einer Schweizer Meisterschaft beinahe das erste von insgesamt acht Meistertrikots geholt. Rüegg beendete nämlich das bei grosser Hitze und starkem Gegenwind in Martigny ausgetragene 160 km lange Titelrennen hinter dem überlegenen Sieger Attilio Moresi als Zweiter. Dabei büsste Rüegg auf Moresi 3:41 Minuten ein, liess aber seinerseits den Bronzemedaillengewinner Konrad Niederer um 1:42 Minuten hinter sich. Damit schien die Karriere von Fredy Rüegg lanciert. Im folgenden Jahr erzielte er zahlreiche Spitzenränge und gewann mit Marcel Senn das internationale Paar-Zeitfahren in La Chaux-de-Fonds. Im 1957 siegte Rüegg nach einem dritten Rang an der Stausee-Rundfahrt in der Freiburger Kantons-Rundfahrt ebenso wie in der Mendrisiotto-Rundfahrt. An der Schweizer Meisterschaft in Peseux holte Rüegg hinter Hansueli Dubach erneut die Silbermedaille und vertrat daraufhin die Schweiz erstmals an der Strassen-Weltmeisterschaft. Im belgischen Waregem war der Schreibende dieses Textes als Fan seines Teamgefährten ebenfalls dabei, denn beide fuhren zu Amateur-Zeiten für die Zürcher Sportgruppe GS Brica (mit den auffälligen lilafarbenen Velos und den Schweizer-Kreuz-ähnlichen Lila-Trikots). Fredy Rüegg fuhr bei seinem ersten WM-Start in Waregem nach 190 km mit 4:43 Minuten Rückstand auf den neuen Amateur-Weltmeister Louis Proost auf den 33. Rang. Noch vor der WM hatte sich Rüegg mit dem RV Höngg und Bruno Diethelm, Egon Scheiwiller, Kurt Gimmi und Rolf Bachmann im 100 km-Mannschaftsfahren auf der Strasse den ersten Schweizer Meistertitel erobert. Fredy Rüegg im belgischen Waregem am Ziel als 33. nach seiner ersten Amateur-Strassen-WM (Bild copyright by Ernst Bretscher) Das Jahr 1958, das Rüegg weiterhin als Amateur bestritt, wurde für ihn zu einem der erfolgreichsten überhaupt. Gleich dreimal wurde er Schweizer Meister, auf der Bahn- in der Einzel- und Mannschafts-Verfolgung und auf der Strasse erneut im 100 km-Mannschaftsfahren (mit Roman Brunner, Erwin Jaisli, Egon Scheiwiller, Bruno Diethelm). Zudem gewann Rüegg die Meisterschaft von Zürich, die Freiburger Kantons-Rundfahrt, die Maiengrün-Rundfahrt, das Strassenrennen in Boncourt, mit seinem Bruder Walter das Paar-Zeitfahren in La Chaux-de-Fonds und eine Etappe einer belgischen Rundfahrt, die er als Gesamt-Fünfter beendet. An der Strassen-WM wurde er erneut 33. und an der Verfolgungs-WM ausgezeichneter Siebter (unter 35 Teilnehmern). Diese erfolgreiche Saison krönte er am 16. November im Zürcher Hallenstadion, wo er mit 45,587 km einen neuen Stundenweltrekord etablierte. Bild links: Fredy Rüegg bei seinem Stunden-Weltrekord im Januar 1962 im Zürcher Hallenstadion Bild rechts: Fredy Rüegg auf der Ehrenrunde nach seinem Tour de Suisse-Sieg 1960 (beides Archiv-Fotos Copyright by Ernst Bretscher) Trotz diesen grossartigen Erfolgen blieb er 1959 weiterhin Amateur. Als er jedoch schon im Frühling in Zürich auch die Vier-Kantone-Rundfahrt überlegen als Solosieger (vor Emil Beeler und Erwin Jaisli) gewann, wagte er den Uebertritt ins Profilager. Und dort schlug Fredy Rüegg gleich gross ein, beendete er doch die Tour de Romandie hinter Kurt Gimmi und Rolf Graf sogleich als Gesamt-Dritter. Danach folgte mit dem Giro d’Italia und der Tour de Suisse (zweimal Etappen-Zweiter) gleich ein happiges Programm. Gross-Erfolge blieben jedoch aus, sodass er sich ganz auf den Profi-Stunden-Weltrekord konzentriert. Am 27. Dezember 1959 stellte er mit 45,843 km auch als Profi eine neue Bestmarke auf. Fredy Rüegg im Trikot des Schweizer Meisters in der Verfolgung 1962 (Archiv-Foto copyright ba Ernst Bretscher) 1960 gewann Fredy Rüegg das wichtigste Rennen der Schweiz, die Tour de Suisse (mit 2 Etappensiegen) vor Kurt Gimmi, René Strehler und Attilio Moresi. Dazu gewann er je die 6. Etappe des Giro d’Italia und der Deutschland-Rundfahrt, sowie erneut die „Züri-Metzgete“. 1961 wurde er hinter Moresi und Couvreur Dritter der Tour de Suisse (mit 1 Etappensieg), gewann eine Etappe der Tour de Romandie, sowie die Nordwest-Schweizer-Rundfahrt. Bei seinem ersten von zwei Starts an der Tour de France überzeugte Rüegg als Gesamt-Zwölfter. Weil sich der Platz hiezu sprengen würde, um all seine vielen Spitzenplatzierungen hier wieder zu geben, beschränken wir uns ab hier auf das Wichtigste von Rüegg's äusserst erfolgreicher Karriere. Am 2. Januar 1962 stellte er im Zürcher Hallenstadion erneut einen nochmals verbesserten Stundenweltrekord auf (46,819 km) und wurde im Giro d’Italia Etappen-Dritter. 1966 gewann er in Lugano seine insgesamt vierte Tour de Suisse-Etappe, und in seinem letzten Profijahr 1967 wurde er in Herblingen erstmals Schweizer Meister auf der Strasse, indem er im Zweier-Endspurt Willy Spuhler bezwang. Dritter wurde drei Minuten später René Binggeli. Ende 1967 beendete er seine Karriere nach 9 Profi-Jahren, während denen er jedes Jahr die Tour de Suisse bestritt. Siebenmal fuhr er die Tour de Romandie, viermal den Giro d’Italia, zweimal die Tour de France. Nebst den Schweizer Meistertiteln auf der Strasse (zweimal Team, einmal einzeln), holte er sich fünf Meistertitel auf der Bahn (dreimal Einzel-, einmal Team-Verfolgung und einmal als Steher). Rüegg bestritt zudem sechsmal das Zürcher Sechstagerennen, das er 1961 mit Lucien Gillen und nur zwei Verlustrunden als Sechster beendete Bild links: Autogrammkarte von 1962. - Bild rechts: Fredy Rüegg in Lugano bei seinem Tour de Suisse-Etappensieg 1966 (beides Archiv-Foto copyright by Ernst Bretscher) Nach seinem Rücktritt eröffnete mit seiner Gemahlin Theres in Escholzmatt ein Fahrradfachgeschäft, das er ab 1981 bis heute in Affoltern am Albis weiterführte. Er baute seine Eigenmarke „Fredy Rüegg-Velos“ selbst, vom Rahmenlöten bis zum Spritzen machte er alles selbst. Alle die Jahre machte er bis kurz vor seinem Tode auf dem Rennrad noch regelmässig Ausfahrten. Fredy Rüegg nahm sich wie schon während seiner Aktivzeit auch danach für seine Freunde und Bekannten immer Zeit zu netten Gesprächen. Umso mehr schmerzt sein Tod alle jene die ihn persönlich kannten. Trotz seiner Erfolge im Sport und als Geschäftsmann war er stets ein liebenswerter Mensch und blieb auf dem Boden. Wir haben einen wahren Freund des Radsportes verloren.

Info

Datum31.5.2010
QuelleKettenrad.ch/Ernst Bretscher
Direkthttp://www.kettenrad.ch/index.php?t=news&tt=archiv-_-suche&blogID=572

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