Und dann geschah es!

Ein 50-jähriger Gümmeler wagte den Sprung in die Moderne und begann mit dem Biken.

Wer nach vorne blickt, sieht die Gefahren.

„Tschüss zäme.“ Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete ich mich von meinen Mountainbike-Kollegen und Kolleginnen. Ich hatte sie in Parpan anlässlich eines Bike-Fahrtechnikkurses für Anfänger kennengelernt (2./3. September). Die wichtigsten Tipps von der Kursleiterin Michelle Schierle hatte ich mir selbstverständlich sehr gut gemerkt. Zum Beispiel: „Immer voraus schauen. Du fährst dort hin, wo du hinschaust.“ In Zukunft werde ich nicht mehr in Richtung Abhang schauen, sondern meinen Blick auf den Trail richten. Fortan werde ich nicht mehr die Wurzel vor meinem Vorderrad fixieren, sondern eine fahrbare Spur nach der Wurzel in Angriff nehmen. Nun werde ich endlich meine Kurventechnik verbessern, so dass meine Freunde nicht mehr den Kopf schütteln werden. Zweifellos macht dieser Tipp grossen Sinn. Kopf hoch heisst die Devise im wahrsten Sinne des Wortes.

„Verdammte Sch...“

Und los ging nun die wilde und doch kontrollierte Fahrt Richtung Chur. Aber jetzt war meine Tourenleiterin nicht mehr dabei. Jetzt waren die anderen Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen bereits im Auto und fuhren über Asphalt nach Hause. Ich hingegen sass auf meinem Rotwild-Bike und eröffnete auf meine Art die Jagdsaison. Es folgten unzählige kleinere Wurzelpassagen. Im Anschluss kam Geröll auf mich zu, das ich ebenfalls dank korrekter Sitzposition und Fahrtechnik meisterte. Es machte Spass. Der Mut begann zu wachsen. Ich blieb jedoch vorsichtig. Denn: Der Titel „Halsbrechischer Boom“ stand in der Wochenend-Ausgabe einer Bündner Zeitung. Der Lead lautete: Mountainbiker stürzen häufiger, ihre Knochen brechen öfter. Das merkt vor allem das Spital in Chur.“ Ich fuhr zwar ebenfalls Richtung Chur, aber beabsichtigte nicht, einen Aufenthalt im Krankenhaus zu absolvieren. Warum trug ich denn nicht meine neuen Ellbogen- und Knieprotektoren? Unnütz waren sie in meinem Rucksack, der sogar mit einer Rückenprotektion ausgestattet war – immerhin etwas.

Das Adrenalin stieg jedoch nach jedem überwundenen Hindernis und nach jedem geglückten „Hüpferli“ an. Das war ein schönes Gefühl, wenn man nach einem zweitägigen Kurs sicher in die Pedale treten konnte. Ich hatte nicht nur den Lenker sondern auch mein Bike im Griff. Und weit und breit war kein Auto, Töff und Lastwagen in Sicht. Das war cool. Unzählige Kilometer hatte ich in meinem Leben vor dem Biken auf der asphaltierten Strasse verbracht. Berauschend war aber nun, dass das Biken endlich Spass machte. Vergebens hatte ich früher versucht, diese Sportart in Angriff zu nehmen. Die fehlenden Fahrtechnikkenntnisse und das nicht auf meine Bedürfnisse abgestimmte Bike führten zwangsläufig zu negativen und schmerzvollen Erlebnissen. Doch jetzt war alles anders. Das Schmelzwasser erschwerte zwar die Fahrt auf dem Biketrail, aber meine Hope-Bremsen funktionierten tadellos. Die Erschütterungen schluckte das vollgefederte Mountainbike ebenfalls problemlos. Ich fühlte mich zunehmend jünger und vergass mein Alter.

Sturzfrei erreichte ich nach der Waldpassage eine Lichtung kurz vor Churwalden. Yeah! Auf einem eingezäunten Weg ging es auf einer Wiese weiter, so dass die anständigen Biker nicht nach ihrem Belieben die Grünfläche durchfuhren. Der schmale, leicht braune Fahrweg war trocken und endlich wurzelfrei. Eine wohlverdiente Entspannung fand endlich statt. Ich nahm den Schwung der kurzen Wiesenabfahrt mit, um den darauffolgenden Anstieg locker zu meistern. Und dann stockte mir der Atem. Es ging zu schnell wieder hinunter. Zu steil. Zu viele Steine. Zu überraschend kam dieser Wechsel nach der Spitzkehre. Warum hatte ich nicht nach vorne geschaut? „Verdammte Sch...“ ging mir durch den Kopf. Das Herz schleuderte das Blut durch die Arterien. Ich spürte das Hämmern in meiner Kehle. Es gelang mir zwar das Schwergewicht nach hinten zu verlagern, um nicht nach vorne zu kippen, aber meine Finger verkrampften sich beim Bremsen. Obwohl ich nun voller Furcht nach vorne schaute, nahm ich das Hinterrad wahr, das Staub aufwirbelte und wegen des abrupten Bremsens von links nach rechts flatterte. Die Bremsen quietschten wie ein Schwein. Die Frage „Was soll ich jetzt tun?“ stellte sich gar nicht. Es ging alles zu schnell. Ich hatte schlichtwegs das Bike nicht unter Kontrolle. Das abrupte Ende nahte so sicher wie das Amen in der Kirche. Steine spickten weg, die Geschwindigkeit erhöhte sich, die Finger der linken Hand begannen sich noch stärker zu krümmen und dann geschah es. Im Kopf hörte ich die Stimme der Kursleiterin: „Das Vorderrad nicht blockieren. Laufen lassen.“ Das hatte mir Michelle Schierle im Kurs ebenfalls beigebracht. Die krummen Finger der linken Hand blieben zwar verkrampft, aber die vordere Scheibenbremse blockierte das Rad nicht gänzlich. Die schnelle, halsbrecherische, unkontrollierte Fahrt ging weiter, aber sie verlief sturzfrei. Erst auf dem Asphalt in Churwalden gelang es mir, das Bike unter Kontrolle zu bringen. Die Finger schmerzten, das Herz pochte immer noch spürbar und hörbar. Meine Gedankengänge waren konfus: Wie war das möglich? Sturzfrei? Unglaublich. Ich verliess Churwalden, dachte über den Fahrtechnikkurs nach und fuhr auf dem Asphalt ruhig nach Chur.

 

Erlebnisse eines Bikers. Teil 1.

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